Nicht nur im Westen, auch in den Sozialistischen
Nachbarstaaten zieht
die Datenfernkommunikation immer weitere Kreise. Hier wie dort sind es
nicht nur die großen Industriemulti's (bzw. VEB's), die das bestehende
Telefonnetz die Datenfernübertragung nutzen, sondern zunehmend auch
"Phreaks", die das Telefon bzw. die DFÜ als neues, attraktives
und
aktives Medium nutzen. Im Gegensatz zu den westlichen
Mailboxbetreibern, die dem durchschnittlichen User oftmals mit
unverständlichen, dem BlödelTeXt angenäherten interaktiven
Bedienungssystemen quälen, läuft auf der überwiegenden Anzahl
der "DDR"-
Mailboxen eine aus dem Bedienungssystem der CPM-Maschinen entwickelte
Menüstruktur.
Als Beispiel für eine DDR-"Typische"
Mailbox besuchten wir die wohl den
meisten Insidern bekannte STASITERM:
Nach dem Anwählen dieser Mailbox (Hayes- und sonstwie
kompatible Modems
verbieten sich selbstverständlich, da dieser miserable Standard in
keiner Weise die Handvermittlung unterstützt) hat der User erstmal sein
System auf die korrekte Baudrate einzustellen. Als Standard gilt eine
Übermittlungsrate von 12.5 Baud. Das mag zwar für den westlichen User
etwas langsam erscheinen, wird aber - wie weiter unten erläutert -
durch eine perfekte Menüstruktur mehr als wettgemacht. Die "krumme"
Baudrate entsteht durch die - von praktisch jedem Sysop - verwendeten
404-Terminals, bei denen ein durch die Netzfrequenz synchronisierter
Motor zusammen mit einem 1:4-Getriebe für den horizontalen Vorschub des
Druckkopfes sorgt.
Dem Login (Der Carrierton entspricht einer 2-Bit
Analog/Digitalumsetzung eines Hammerschlages) folgt die Bereitmeldung
der Mailbox. Dies wird dem User durch dem Systemtypischen Prompt "TC"
(eine Symbolisierung eines Hammers und einer Sichel) mitgeteilt.
Die eigentliche Einlogprozedur gestaltet sich einfach. Der User wird
aufgefordert, seinen Vor- und Nachnamen, die Adresse, seine
Personalausweisnummer sowie beglaubigte Kopien der Schufa-
Selbstauskunft (offenbar speziell für westliche Benutzer eingerichtet),
seiner Geburtsurkunde und eines amtsärztlichen Attestes einzuschicken.
Danach wird der zukünftige Benutzer ausgeloggt. Diese Einloggprozedur
soll übrigens ein großer Exportschlager sein, diverse West-
Mailboxbetreiber sehen sich durch die Gesetzgebung gezwungen ähnliche
(von einigen - zweifellos dem Links- und/oder Rechtsradikalismus
nahestehenden - Usern als "Drakonisch" bezeichneten) Maßnahmen
zu
ergreifen.
Überflüssig zu sagen, daß auch eine
"GAST"-Funktion existiert. Leider
lassen die damit verbundenen Zugriffsrechte doch sehr zu wünschen
übrig. Man hat nur Zugriff auf zwei Menüpunkte (Bretter sind dort
Mangelware und werden lt. z.Zt. gültigem Fünfjahresplan ausschließlich
zum Hausbau bzw. zur Innenausstattung verwendet), die mit
TYPE UNIT
oder
TYPE NEWS
aufrufbar sind. Die erste Funktion gibt Informationen
über die
verwendete Hardware (typisch ist der in der UdSSR hergestellte
kohlebetriebene Dampfprozessor mit angeschlossenem umgebauten
Feldtelefon) aus. Die zweite Funktion entpuppt sich als eine nicht
durch CRTL-Sequenzen oder Timeout beeinflußbare Endlosschleife, die
Zahlen im Bereich 99.95...100 ausgibt. Auf Anfrage teilte uns ein Sysop
mit, daß dies eine Liste der Wahlergebnisse der SED von 1950 bis ca.
2150 sei; deren Veröffentlichung zur Bedingung für ein Online-Schalten
eines Boxanschlusses gemacht wird. Dies ist gleichzeitig der einzige
abrufbare Text, der nicht unter das zwingend vorgeschriebene Timeout
von 30 sec. fällt - welcher unserer Ansicht nach in der Praxis durch
die verwendete Baudrate eine gewisse Einschränkung der
Nutzungsmöglichkeiten darstellt.
All diese Mühen werden belohnt durch die in ihrer Einfachheit und
Benutzerfreundlichkeit nicht mehr zu überbietende Benutzerführung,
die
den ca. ein 3/4 Jahr später rechtskräftig eingetragene Benutzer
erwartet. Nach einer telefonischen Rückverfolgung (das Eintippen des
Usernamens und eines Paßwortes wird dadurch überflüssig) bekommt
der
User stets die Daten auf seinen Sichtschirm, die für ihn wichtig sind;
komplizierte Entscheidungsbäume oder Kommandos, die sich sowieso
niemand merken kann sind völlig überflüssig. Durch das Erkennen
des
Carriers wird ein starker Elektromagnet angezogen, der wiederum ein
Uhrwerk anzieht, welches wiederum für den Antrieb eines umgebauten
Tonbandgerätes dient. Festplatten (die sich, wie der Name schon sagt,
eh nicht bewegen können) oder fehleranfällige Disketten im Wahlfreien
Zugriff (die Ergebnisse der Wahlen stehen ja wie oben beschrieben schon
fest) sind tabu. Alle Messages besitzen daher auch die gleiche
Struktur: Als Filenamen das Kürzel "PLAN." und als Suffix eine
Nummer
die je nach der Aktualität der Nachricht neu vergeben wird.
So erhält der User auch stets die aktuellsten News - das sind
definitionsgemäß diejenigen, die als nächstes physikalisches
File auf
dem Band aufgezeichnet sind; jedes andere Vorgehen würde Online-Zeit
kosten - in Anbetracht der verwendeten Übertragungsrate eine höchst
zweckmäßige und komfortable Lösung. Diese Idee - so meinen wir
- sollte
etwas mehr Beachtung in der West-MailboxScene finden zumal noch längst
nicht alle Sysops die "Ausgabe der News seit dem letzten Login"
technisch in den Griff bekommen haben.
Das Verschicken von Mails - sei es privat oder öffentlich
- ist wohl
eins der größten "Highlights" dieser Systeme. Ein Zeilen-,
Fullscreen-
oder sonst ein komplizierter Editor erübrigt sich fast völlig, VT
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oder ähnliche Emulationen sind weder bekannt noch nötig. Der Befehl
"MAIL" setzt den oben beschriebenen Druckkopf in Bewegung, die
Nachricht selbst wird einmal monatlich den zuständigen Organen
übermittelt und ggf. redigiert. Dieses Verfahren garantiert eine
maximale Übertragungssicherheit auch bei schlechtesten Verbindungen.
So wurde unsere Texteingabe
"JUNGS, WAS HABT IHR HIER BLOß FÜR EINEN SCHROTT GEB"
(* TIMEOUT STASI-TERM *)
automatisch vervollständigt :
BETR. 7104.RE AUF "GROßE ERRUNGENSCHAFT"
VIELEN HERZLICHEN DANK FÜR DAS FREUNDLICHE ENTGEGENKOMMEN,
MIR
NACH SO KURZER ZEIT EINEN PLATZ IN DER USERLISTE ZUZUWEISEN. DIES
BEWEIST WIEDER EINMAL, ZU WELCHEN LEISTUNGEN DIE WERKTÄTIGEN
ALLER LÄNDER UNTER DER FÜHRUNG DER SED (C) FÄHIG SIND! MIT
GROßER FREUDE SEHE ICH MEINER GENEHMIGUNG ENTGEGEN, AUSGEWÄHLTE
TEXTFILES AUS DIESER BOX DOWNZULOADEN.
Keine westliche Mailbox besitzt unseren Erachtens nach
eine so
komfortable und vollständige Fehlerkorrektur. So findet auch der
kritische User kaum Tippfehler oder mangelhafte Grammatik, wie sie in
den West-Boxen quasi zum Standard geworden ist. Die Anzahl der
Downloadtexte ist reichlich, aber nicht immer Rechnerbezogen. Ihre
Stärke finden die DDR-Mailboxen mehr auf den
öffentlich/wirtschaftlichen Themen. Texte wie "Warum Perestroika nicht
funktionieren kann", "Der Fünfjahresplan der Automobilproduktion
1985-1990 - neuste Version", "99 Argumente gegen die
Überflußgesellschaft" oder "Betr. Umweltschutz - westliche
Industriekonzerne verschmutzen Volkseigenes Elbwasser" stehen eindeutig
im Vordergrund gegenüber unnützen und West-Typischen Themen Marke
"Mein
Rechner ist der Beste".
Der einzige Wehmutstropfen besteht in der Programmverwaltung.
Es ist
bis jetzt noch keinem User oder Sysop gelungen, eine Genehmigung für
das Verschicken von Programmfiles zu bekommen. Auch die "ÖP's"
(Öffentliche Programme - bei uns PD's) orientieren sich weitestgehend
an einem für westliche Benutzer nicht akzeptablen Standard. Typisch
sind Programme für 4-Bit und 8-Bit Systeme sowie für Rechenschieber
mit
maximal 20 Zeilen Programmlänge (siehe Übertragungsgeschwindinkeit
bzw.
Logoff); dafür sind fast alle Programme auf JEDEM Rechner lauffähig.
So bleibt neben einem überwiegenden positiven Eindruck doch noch genug
Spielraum für eine konstruktive Kritik. Tröstlich, daß auch
in Ländern,
in denen leistungsfähige Rechner (noch) nicht jedem interessierten User
zu akzeptablen Preisen und Lieferzeiten zur Verfügung stehen,
respektable Konzepte zur Realisation gebracht werden. Wir werden weiter
über diese "Scene" berichten...
P.S.: Wer es noch nicht bemerkt hat - dieser Text ist
eine SATIRE!
Er dient nicht dazu irgendwelche Gesellschaftlichen Gruppen
(z.B. Aus- Ein- oder Sonstländer) zu diskriminieren oder
(Anti)Werbung für oder gegen ein politisches System zu
machen! Wer diese Satire als solche erkennt möge in den
Spiegel schauen und wer sich (danach?) auf den Schlips
getreten fühlt möge diesen zurechtrücken! In diesem Sinne :
Für Toleranz und MITarbeit innerhalb und außerhalb der Boxen